29 I Organisierte Heimattümelei – Volkskultur in Tirol (1900–1950)

 
7. April 2018
9:00–10:30
Seminarraum 4


Tobias Neuburger (Celle)
Inventing Traditions. Die Tiroler Fastnacht zwischen Tradition und Erfindung, ca. 1890 bis 1950


Reinhard Bodner (Innsbruck)
Trachtenberatung und -erneuerung im Tirol der 1930er-Jahre. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der „Mittelstelle Deutsche Tracht“ (1939–45)


Nikolaus Hagen (Innsbruck)
„Trachtenverbot für Juden“ und „Schutz heimischer Volkskultur“. Maßnahmen und Normen im Gau Tirol-Vorarlberg


Michael Wedekind (München)
Sammeln und Gestalten: Das SS-Ahnenerbe in Südtirol

 

Der Zusammenhang zwischen Brauchtum und Gemeinsamkeit stiftender regionaler Identität liegt auf der Hand. Seit der „Entdeckung“ der Volkskultur im 19. Jahrhundert bildeten ideologische Aufladung und politische Instrumentalisierung die Folge. Welche Wertvorstellungen deren Trägerinstanzen mit ihren Aktivitäten solchermaßen bis in die Gegenwart fortschreiben, bleibt häufig unhinterfragt. Die Vorträge beleuchten das Themenfeld „Volkskultur“ am Beispiel Tirol aus interdisziplinärer Perspektive und nehmen die Funktion sowie Tradierung und/oder Umdeutung über die Regimebrüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinweg in den Blick. Zwei Beiträge entstammen einem von 2014 bis 2018 laufenden Förderschwerpunkt der Tiroler Landesregierung. Seine Einrichtung erfolgte als Reaktion auf eine Debatte über die Ignoranz der mit viel öffentlichem Geld ausgestatteten Brauchtumspflege gegenüber ihrer NS-Vergangenheit, die nicht zuletzt die Subventionsvergabe des Landes in ein schiefes Licht brachte.

 

Chair: Ingrid Böhler (Innsbruck)

Tobias Neuburger (Celle): Inventing Traditions. Die Tiroler Fastnacht zwischen Tradition und Erfindung, ca. 1890 bis 1950

Neben den städtischen Faschingsunterhalten Innsbrucks entwickeln sich im ausgehenden 19. Jahrhundert insbesondere in Imst und Telfs aufwendig inszenierte Maskenzüge, deren touristisches Potential durch lokale Akteure schnell erkannt und genutzt wurde. Im Kontext der volkskundlichen Entdeckung und Erfindung des „Eigenen“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, rücken seit 1900 auch in Tirol lokale und dörfliche Fastnachtstraditionen zunehmend in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Die volkskundliche Erforschung dörflicher Fastnacht in Tirol vollzog sich im Spannungsfeld von Engagement und Distanzierung (Norbert Elias). Insbesondere am Beispiel des Historikers, Volkskundlers und Bibliothekars Anton Dörrer (1886–1968) weist der Beitrag die praktische Einflussnahme und unmittelbaren Auswirkungen volkskundlicher Wissensproduktion auf Gestaltung und (erfundene) Traditionsbildungen dörflicher Fastnachts- und Maskenzüge in Tirol nach.

Reinhard Bodner (Innsbruck): Trachtenberatung und -erneuerung im Tirol der 1930er-Jahre. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der „Mittelstelle Deutsche Tracht“ (1939–45)

Der Vortrag beleuchtet die Entwicklung des Tiroler Volkskunstmuseums in Innsbruck zu einer Trachtenberatungsstelle in den 1930er-Jahren. Gezeigt wird, wie durch das Sammeln und Ausstellen von Trachten vermeintliche "ethnische Gewissheiten" (Martina Steber) hergestellt wurden, wie das Museum verbindliche Modelle einheitlicher "Taltrachten" durchzusetzen versuchte und zunehmend aggressiv die Trachtenmode bekämpfte. In den Blick kommen das Zusammenwirken und die Konkurrenz des Kunsthistorikers Josef Ringler (1893–1973), der das Museum 1928–1938 und 1945–1959 leitete, mit der 1927–1932 als Sekretärin am Museum angestellten Gertrud Pesendorfer (1895–1982), die nach dem Anschluss als "Reichstrachtenbeauftragte" und Leiterin der "Mittelstelle Deutsche Tracht" ans Museum zurückkehrte. Beide wirkten später in der "Kulturkommission Südtirol" des SS-Ahnenerbes mit.

Nikolaus Hagen (Innsbruck): „Trachtenverbot für Juden“ und „Schutz heimischer Volkskultur“. Maßnahmen und Normen im Gau Tirol-Vorarlberg

Der Vortrag untersucht drei Maßnahmen österreichischer NS-Behörden zum Schutz der sogenannten „Volkskultur“. Die ersten beiden – ein „Trachtenverbot für Juden“ und ein „Verbot des Swing-Tanzes und des Trachtentragens bei Maskenbällen“ – wurden 1938 bzw. 1939 im Gau Tirol-Vorarlberg durch den dortigen Landeshauptmann und Gauleiter erlassen. Die dritte Maßnahme, eine geplante Verordnung der Reichsmusikkammer zum „Schutz österreichischer Volkskultur“ von Anfang 1939, trat letztlich nie in Kraft. Im Beitrag wird die Genese dieser drei Maßnahmen herausgestellt und in den Kontext nationalsozialistischer Kulturpolitik gestellt. Dabei richtetet sich der Blick auf die inhärente Verknüpfung von nationalsozialistischer Kultur- und Rassenpolitik.

Michael Wedekind (München): Sammeln und Gestalten: Das SS-Ahnenerbe in Südtirol

Der Vortrag untersucht Entwicklung und Bereitstellung von Herrschaftswissen im Nationalsozialismus. Das Thema wird exemplifiziert über die deutschsprachige „Volkskunde“ der 1930er- und 1940er-Jahre und die Arbeiten der Kulturkommission Südtirol des SS-Ahnenerbes. Diese führte seit 1940 im Zuge der Südtiroler Umsiedlung ein singuläres Projekt zur Inventarisierung volkskultureller Manifestationen durch. Zu analysieren ist zunächst der sensible Schnittstellenbereich aus Netzwerken der Wissenschaft, Verwaltung und Politik. Dabei sind die Interessen- und Handlungshintergründe der Akteure und speziell die Wissenschafts- und Erkenntnisanliegen der Kulturkommission herauszustellen. Diese ist ferner in den damaligen fachwissenschaftlichen Orientierungen und im Kontext der zeitgleichen soziologisch-demographischen Regionalerhebungen zu verorten. Schließlich ist der Funktion volkskundlicher Wissensproduktion beim Aufbau einer nationalsozialistisch durchgeprägten Gesellschaftsordnung nachzuspüren.